Prolog aus Fasanthiola 1
Es
war sehr heiß. Fürst Magrostis begrüßte die kleine Brise, die herein
strich und ihm die Stirn kühlte. In diesen Tagen liebte er den nach
allen Richtungen offenen Raum, der jeden Windhauch hereinließ. Er
fühlte sich erschöpft. Er hätte sich lieber auf die bequeme Liege
gelegt, um ein bisschen zu schlafen. Aber er war nicht allein. Neben
ihm, mit der Schulter an eine Säule gelehnt, stand Reskothi, die Arme
vor der Brust verschränkt, den Mund missmutig verzogen.Magrostis
saß auf einem mit Arabesken verzierten, steinernen Thron. Hinter ihm
flirrte das Sonnenlicht des frühen Nachmittags durch das Blattwerk der
alten Bäume draußen im Garten. Sein Zeigefinger steckte zwischen den
Seiten eines dicken Buches, das auf seinem Schoß ruhte. Er seufzte
müde. Er gab sich einen Ruck, lächelte seinen Sohn milde an und meinte:
„Ich sage es dir noch einmal: Es hat nichts mit deiner Person zu tun,
Reskothi. Du bist mir immer ein guter Sohn gewesen. Du bist begabt;
deine Lehrer loben dein mathematisches Geschick. Doch dein Hunger nach
Macht gefällt mir nicht. Deine Ungeduld ist verständlich, mir ging es
in deinem Alter genauso.“
Reskothi stieß sich von der Säule ab
und kam einen Schritt näher. Der Fürst hob die Hand, um ihn
aufzuhalten. „Ich könnte mir durchaus vorstellen, dir trotz deiner
Jugend die Verwaltung unserer Güter im Osten zu übertragen. Das wäre
eine sinnvolle Aufgabe für dich und eine große Verantwortung.“
Reskothi
schnaubte verächtlich. „Du willst also einen besseren Bauern aus mir
machen. Das ist nicht mein Lebensziel. Ich lasse mich nicht aus der
Hauptstadt weg aufs Land schicken. Ich bin alt genug, um in die
Regierungsgeschäfte eingeführt zu werden, damit ich deine Nachfolge
antreten kann. Doch nichts dergleichen geschieht. Stattdessen verlegst
du den Hof hierher nach Semal Rethis, wo ich umgeben bin von wertlosem
Künstlervolk. Du besorgst mir schöne Frauen und veranstaltest
Jagdgesellschaften für mich, bei denen deine Hofschranzen um meine
Gunst buhlen.“
Der Prinz ballte die Fäuste, beugte sich vor und
zischte: „Es langweilt mich. Es macht mich wahnsinnig, hier zu sein und
meine Tage zu vergeuden!“
Magrostis zog den Finger aus dem Buch.
Er beobachtete seinen hitzköpfigen Sohn, der begonnen hatte, vor ihm
auf und ab zu laufen.
„Früher oder später ist es an mir,
Fasanthiola ein guter Herrscher zu sein!“, Reskothis Stimme klang
heiser vor Anspannung. „Ayu, es tut mir leid, dir das so sagen zu
müssen, aber du wirst nicht ewig leben.“ Er verbeugte sich tief und
fügte an: „Verzeih mir meinen Mangel an Respekt.“
Das Gesicht
seines Vaters lief zornrot an. Reskothi trat instinktiv einen Schritt
zurück. Der Fürst hatte eine besondere Technik, einem mit dem
Handrücken ins Gesicht zu schlagen. Meist hinterließ sein großer
Fingerring dabei eine blutige Schramme. Diesmal blieb die Hand mit dem
Ring auf dem Buchrücken liegen. Als sein Vater sprach, tat er es mit
beängstigend leiser Stimme: „Mir tut es nicht leid, Hosja, dir zu
versichern, dass ich genau das vorhabe. Ich werde ewig leben.“
Reskothi
lachte wider besseres Wissen schrill auf. „Ayu! Retha setze deine Füße
noch lange Jahre auf weiches Gras, auf dass du sanft deine Wege
findest. Mit einem solchen Wunsch wirst du Numa verärgern, die dich
eines Tages in ihrem Totenreich erwartet. Du kannst den Gesetzen der
Zwillinge nicht trotzen.“
Magrostis hob das Buch mit beiden
Händen ein wenig an. Er zog die Brauen hoch und der Blick, mit dem er
seinen Thronfolger bedachte, war hart, doch nicht bedrohlich. Der Junge
entspannte sich. Sein unbedachtes Lachen würde nicht bestraft werden.
Vielleicht lernte der alte Mann endlich, in ihm einen Partner zu sehen.
Er straffte die Schultern in neuem Selbstbewusstsein, bereit, es heute
auf eine Auseinandersetzung ankommen zu lassen.
Der Herrscher
öffnete den Mund, um zu sprechen, aber er überlegte es sich anders. Ein
kurzes Lächeln glitt über sein Gesicht. „Glaub was du willst, Sohn“,
meinte er und erhob sich. Er legte das Buch auf einem kleinen Tisch ab
und ging hinüber zu der Balustrade, die den Raum zum Park hin
begrenzte. Er stützte sich schwer darauf und der Prinz hörte ihn laut
seufzen. „Sei am Abend mein Gast, Hosja. Wir werden ein Heilbad nehmen
und gemeinsam essen.“
Reskothi war entlassen. Er schwankte
zwischen Hoffnung und Bangen. Hatte er den Alten dazu gebracht, über
seine Worte nachzudenken? War diese Einladung ein ‚nicht jetzt, aber
später’ - Angebot? Mit steigender Wut betrachtete er den breiten Rücken
des Herrschers, der weiter in den Garten hinaus blickte. Selbst seine
Rückseite strahlte ruhige Entschlossenheit aus. Sein Vater bestimmte
wie immer die Spielregeln und Reskothi würde sich unterordnen müssen.
Missmutig drehte sich der Junge um und stampfte wütend aus dem Raum.
Der
Fürst hatte sich verändert. Er lebte fast nur noch hier in Semal
Rethis, das er vor Jahren als Sommersitz ausgebaut hatte. Er umgab sich
mit Künstlern, denen er großzügige Wohnräume und Werkstätten zur
Verfügung stellte. Die Regierungsgeschäfte überließ er seinen Beratern
und dem Hohen Rat in der Hauptstadt. So konnte das nicht weitergehen.
Manchmal war er tagelang nicht ansprechbar, bekam nächtlichen Besuch
von Menschen, die sich in schwarze Kapuzenmäntel hüllten. Seit Tagen
war die Rethina aus dem Kloster der Heiligen Frauen in Tergant zu Gast.
Sie war eine Frau, die Reskothi für nicht ganz zurechnungsfähig hielt,
um es vorsichtig auszudrücken. Sie war öfter mit dem Fürsten zusammen
als jeder andere Angehörige des Hofes.
Verschiedene Leute hatten
den Prinzen auf diesen Umstand angesprochen. Der Thronfolger behielt
seine eigenen Ambitionen für sich. Doch er hörte genau zu, wenn sie ihm
zu verstehen gaben, dass sie seinen Machtanspruch unterstützen würden,
sollte er sich gegen den Herrscher erheben.
Was hatte sein Vater
vor? Wie konnte ein Mann sich vornehmen, ewig zu leben? So etwas auch
nur zu denken verletzte das Gesetz der Göttinnen von Leben und Tod.
Semal
Rethis hieß Ruheplatz der Retha. Magrostis hatte seinen Sommersitz an
einen Berghang gebaut. Er nutzte dabei die im Inneren des Berges
gelegenen Höhlen und Kammern, die eine weitaus ältere Kultur
hinterlassen hatte für Wohn- und Wirtschaftsräume.
Reskothi eilte
durch die unterirdischen Gänge, bis er zu den Stallungen kam, die etwa
in der Mitte des Bergmassivs lagen. Er scheuchte mit einem derben
Fußtritt einen Stallburschen auf, der im Durchgang zwischen den
Pferdeverschlägen lag und schlief. Der Bursche sprang verstört auf und
lief ihm voraus zu dem Verschlag, in dem Reskothis Schimmelstute stand.
Das Tier spürte den inneren Aufruhr seines Reiters und wehrte sich
heftig gegen Zaum und Sattel. Der Prinz schlug das Pferd und den Jungen
mit der Gerte, bis die Stute endlich aufzäumt war.
Jemanden zu schlagen tat ihm so gut, dass er den Knecht so lange prügelte, bis dieser zusammenbrach.
„Dein
Sohn ist stark und besitzt die ganze Ungeduld eines Jugendlichen. Du
solltest ihn umgehend sinnvoll beschäftigen, damit wir für unser
Vorhaben die nötige Ruhe haben.“
Magrostis tupfte sich mit einem
feinen Tüchlein den Schweiß von der Stirn. „Es war ein Fehler, ihn zu
reizen, ich weiß. Er hat bisher nie so offen von seinen Wünschen
gesprochen wie heute. Er dürstet nach der Macht und ahnt, dass er sie
nie erlangen wird. Seine anmaßende Rede hat mich sehr aufgebracht. Wie
kann er! Auch wenn ich ein normales menschliches Alter erreichen würde,
käme er noch lange nicht auf den Thron. Wieso also verlangt es ihn
jetzt schon danach? Ich verstehe mich immer weniger mit ihm.“
„Er ist dir zu ähnlich. Du siehst dich selbst in ihm und das erträgst du nicht.“
Magrostis
drehte sich zu Alicea um, eine heftige Bemerkung auf den Lippen. Doch
als er sie zärtlich lächeln sah, meinte er nur: „Erlebst du mich so wie
ihn? Unbeherrscht, zornig und rücksichtslos?“
Sie kam zu ihm und
strich ihm eine graue Haarlocke aus dem Gesicht. „Früher warst du wie
er. Heute schätze ich deine Weisheit und deine besonnene Art. Du bist
mit deinen Aufgaben gewachsen. Du wurdest ein guter Herrscher. Das Volk
verehrt dich wie einen Gott. Deshalb haben wir dich ausgewählt.“
Lauschend
drehte sie den Kopf, trat einen Schritt zurück und sagte laut: „Ich
habe Sofsana mitgebracht. Er hat ein Geschenk für dich.“
Die Tür
zum Flur öffnete sich fast lautlos und eine Gestalt in einem weiten,
schwarzen Kapuzenmantel betrat den Raum. Im Licht der inzwischen tief
stehenden Sonne sah der Fürst kurz die Kinnpartie des Gesichtes, das
sich unter der Kapuze verbarg. Eine Tätowierung zierte das Kinn, die
Lippen waren scharf geschnitten und von keinen Falten umgeben.
Magrostis wunderte sich, denn aus irgendeinem Grund hatte er sich den
Magier immer als alten Mann vorgestellt.
Sofsana hob den linken Arm und zog ein Buch aus dem weiten Ärmel seines Mantels.
Magrostis schnappte nach Luft: „Ihr habt es!“, flüsterte er heiser.
Plötzlich
überkam ihn die blanke Panik. Ihr Ziel war in greifbare Nähe gerückt.
Ihm wurde bewusst, dass er bis zu diesem Augenblick nicht ernsthaft an
das Gelingen ihres Unternehmens geglaubt hatte. Doch der Magier hatte
das letzte Buch gefunden und an sich gebracht. Nun würde die Geschichte
ihren Lauf nehmen.