Wie alles anfing
Sommer 1989
1989 bekam ich den Auftrag, im Namen der Stadtjugendpflege Würzburg einen zweiwöchigen Abenteuerspielplatz zum Thema mittelalterliches Stadtwesen durchzuführen. Diese Ferienmaßnahme habe ich acht Jahre lang in jedem Sommer geleitet.
Einer der Betreuer dort, Claudius, war wie ich ein begeisterter Geschichtenerfinder und ein guter Erzähler. Jeden Abend, bevor wir die Kinder nachhause schickten, erzählte Claudius eine Fortsetzungsgeschichte, die bald keiner auf dem Platz (Erwachsene eingeschlossen) versäumen wollte.
Sommer 1991
Ilja kam ins Team des Abenteuerspielplatzes Herbipolis Parva.
Etwa 1993 fingen unsere Märchen- und Geschichtenabende an. Wir trafen uns in unregelmäßigen Abständen zum Vorlesen und Geschichtenerfinden, bei denen unzählige Liter Darjeeling getrunken wurden. Manchmal luden wir Gäste ein, aber meistens blieben wir unter uns.
Es war Iljas Idee: Er wollte den Anfang einer Geschichte am Computer verfassen und auf zwei Disketten speichern. Eine sollte Claudius, die andere ich bekommen.
Gesagt, getan. Das Reihumabenteuer begann. Iljas (sehr schöner) Anfang bekam zwei neue Kapitel, die sich völlig voneinander unterschieden. Die eine Version entwickelte sich nach geraumer Zeit zu einer Science Fiction Story und die andere wuchs in Richtung Fantasy.
Für mich war alles ein bisschen umständlich, denn ich hatte damals zuhause noch keinen Computer. Ich musste immer, wenn ich eine Diskette erhielt in meinen Laden radeln, um daran weiter zu schreiben.
Dem Claudius hat das alles eines Tages nicht mehr gefallen. Seine Ideen einem Computer anzuvertrauen, statt zu erzählen, hat ihn gelangweilt. Die Abstände, in denen man von ihm eine Fortsetzung bekam, wurden immer größer, und größer ... und g r ö ß e r.
1996
Mich aber hatte die Fantasy-Version gepackt und ich schrieb (heimlich) weiter.
Ein schöner, lauer Sommerabend. Einer, der Sehnsüchte weckt und die Menschen nach draußen zieht.
Claudius, Ilja und ich trafen uns wieder einmal. Einen eindrucksvollen Ort hatten wir uns für unser Treffen ausgeguckt: die Wallanlagen der Festung Marienberg. Dort oben, die Lichter der Stadt zu Füßen gestand ich: Ich habe weitergeschrieben. Etwa drei Stunden und mindestens zwei Liter Rotwein später hatte ich den beiden erzählt, wie die Geschichte weitergegangen war.
„Seht ihr die Mainwiesen? Dort unten ist Xander mit Herkon, seinem Drachen gelandet.“
Ihre einheitliche Meinung am Ende: »Das ist gut!« und: »Wir wollen mehr!«, hat mich sehr euphorisch gemacht.
Ilja meinte noch: »Aber ich will meinen Anfang zurück«.
Ich glaube, die Spuren von Claudius und Ilja aus den ersten Kapiteln zu beseitigen, hat mich mehr Zeit, Energie und Nerven gekostet, als drei neue zu schreiben. Wusste ich doch damals noch nicht, was genau meinen Schreibstil ausmachte. Außerdem fällt es schwer, sich von Formulierungen zu trennen.
Ich fing an, meinem Mann die Ferien zu verderben. In jedem Urlaub überkam mich die Schreibwut.
Ich besaß immer noch kein Laptop. Also füllte ich Seite um Seite meiner Notizbücher mit Xander und seinen Abenteuern. Das wichtigste Kriterium für die Zimmersuche im Urlaub: Gibt es einen Schreibtisch? Ich schrieb oft acht Stunden am Tag, die zuhause beim Tippen in den Computer überarbeitet wurden.
Das Buch nahm Formen an. Es ließ mich nicht mehr los. Mein Hauptcharakter Xander machte es mir nicht leicht. Andere Figuren – wie Sammit, der Märchenerzähler oder Baron Fontas schrieben sich von selbst.
Endlich das erste Laptop. Obwohl es mehrere Kilos wog, begleitete es mich in die Urlaube nach Kreta, Rhodos, Korfu oder Portugal. Ich hatte Angst, das Ding könnte mir geklaut werden, also sicherte ich alles immer wieder auf mehreren Disketten, damit nichts passieren konnte.
In dieser Zeit schrieb ich nur für Ilja und Claudius. An eine Veröffentlichung dachte ich nie. Ich schrieb für unsere Treffen, die meist den stets gleichen Ritus hatten: Gemeinsam etwas Gutes essen, dann begab sich Ilja auf die eine, Claudius auf die andere Couch, und ich las stundenlang vor.
Zwischendurch schlief mal einer ein, aber am Ende wurden sie wieder munter und wir diskutierten heiß um den Fortgang der Geschichte, mit dem sie oft gar nicht einverstanden waren. Gemeinsam haben wir Lösungen durchgespielt, Ungereimtheiten ausgeräumt. Manchmal bekam ich vernichtende Urteile, manchmal waren sie sprachlos, weil es spannend und gut war.
Die beiden waren meine schärfsten Kritiker, aber auch meine Musen.
1999 - 2003
Testleser gesucht!
Mein »Baby« schlief zum ersten Mal auswärts.
Zumindest kann ich mir vorstellen, dass eine Mutter so fühlt. Als ich die Mappen an Testleser vergab / verschickte, hatte ich schlaflose Nächte. Was würde ich zu hören bekommen? Es war mir wichtig, mein Werk auch von Menschen lesen zu lassen, die mit Fantasy nichts anfangen konnten. Eine Feministin war darunter, denn meine Gesellschaftsform für Fasanthiola sollte matriarchale Züge tragen. Ein Software-Programmierer sagte mir gleich: »Xander nervt mich. Ich mag ihn nicht. Die ersten Seiten des Buches wären für mich ein Grund, es nicht zu kaufen.«
Eine gute Freundin meinte: »Ich habe selten eine bessere Beschreibung einer Depression gelesen.«
Eine andere: »Ich wusste nicht, was Fantasy ist. Nun möchte ich mehr davon lesen!«
Meine Testleser haben mir Mut gemacht, eine Veröffentlichung anzustreben.
2005
Es war absehbar, dass Claudius und Ilja, meine beiden Musen oder auch "die Väter des Fasanthiola - Zyklus" nicht mehr lange in Würzburg sein würden. Ihr Studium näherte sich seinem Ende, sie würden bald in andere Städte ziehen, um dort zu arbeiten. Das brachte mich in Zeitdruck. Ich wollte das Buch inhaltlich abschließen, bevor einer der beiden weggezogen war.
Der Show-down war geschrieben. Am 5.8.2005 trafen wir uns zum letzten Mal.
2006
Ich schrieb das Ende. Ich überarbeitete den Anfang.
Doch meine Musen fehlten mir. Der Antrieb war weg.
2007
Alle Welt fragte mich: »Und? Was macht der Roman?«
»Und? Was macht der ...«. Ich konnte es nicht mehr hören.
2008
Und plötzlich ging alles ganz schnell: Im November 2008 Books on Demand entdeckt – ISBN-Nummer bekommen – 3 Monate Zeit bis zur Veröffentlichung.
Dauerstress im Geschäft von November bis Februar 2009. Trotzdem jede nacht bis drei Uhr überarbeitet, korrigiert, mit Word und / oder Open Office gehadert und gekämpft. Frust! Verzweiflung!
++ Warum ist die Schrift so klein?
Heute weiß ich es: weil ich in A4 geschrieben hatte und erst die Druckversion auf A5 formatiert wurde. Doch das war nicht mehr zu ändern, weil die Gesamtseitenzahl 352 nicht übersteigen durfte.
++ Warum hält Word die Formatierung nicht von einem Speichern zum Nächsten?
Heute weiß ich es: weil ich an verschiedenen Computern mit jeweils anderen Druckern gearbeitet habe. Ich war mit den Nerven am Ende.
4.2.2009
Ich halte mein erstes gedrucktes Exemplar in Händen. Ein gutes Gefühl.
Aber – um ehrlich zu sein: kein Vergleich mit den begeisterten Gesichtern meiner Musen nach einer gelungenen Lesung. Vielleicht sollte ich ein Hörbuch herausbringen.
14.2.2009
Trotz Grippe: meine erste Lesung für Freunde war ein voller Erfolg. Die Anwesenheit der Väter meines Romans Claudius und Ilja war für mich die Krönung des Abends.